Begrüßungsrede
gehalten von Burghard Gieseler
aus Anlass der feierlichen Verleihung der
Stipendien der Studienstiftung des Deutschen Volkes
an die Sieger des Rerum Antiquarum Certamen
am 5.Juni 2010 in der Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel
Liebe Landessieger, von den 846 Schülerinnen und Schülern, die aus ganz Niedersachsen an dem diesjährigen Durchgang des Rerum Antiquarum Certamen teilgenommen haben, sind Sie die besten. Der NiedersächsischeAltphilologenverband – und mit ihm alle, die heute hierher gekommen sind – will Ihre Leistung mit diesem Festakt öffentlich anerkennen und würdigen.
Sie dürfen mit gutem Grund stolz auf sich sein. Denn Sie haben in Ihren Hausarbeiten, die Sie zusätzlich zum normalen Oberstufenpensum – in mehreren Fällen sogar parallel zur Abiturvorbereitung – geschrieben haben, ausnahmslos die Bestnote „sehr gut“ erreicht.
In den vergangenen zwei Tagen haben Sie das anspruchsvolle Auswahlseminar der Studienstiftung und des NAV absolviert und warten nun erwartungsvoll darauf zu erfahren, wer von Ihnen in die Studienstiftung des Deutschen Volkes aufgenommen werden wird. Diejenigen aber, die das Stipendium heute noch nicht erhalten werden, bleiben – und auf diese Feststellung lege ich großen Wert – im Auswahlverfahren der Studienstiftung.
Sie alle, die Sie mit Ihren Eltern, betreuenden Lehrkräften und Schulleitern in die Lessingstadt Wolfenbüttel in diese bedeutende Bibliothek gekommen sind, sind – und zwar ohne Unterschied – unsere Landesbesten. Sie alle wollen wir ehren.
Allein die Bandbreite der von Ihnen bearbeiteten Themen spiegelt das große Anregungspotential und den persönlichkeitsbildenden Gehalt der Fächer Latein und Griechisch wider. Gleichzeitig zeugt sie aber auch von der Vielfalt Ihrer Interessen und Ihrer Bereitschaft, sich neuen Fragestellungen zu öffnen und diese mit Ausdauer und Konzentration geistig zu durchdringen. Ihre Arbeiten, die Sie uns ja im Laufe des Vormittags selbst noch einmal kurz vorstellen werden, sind ferner ein überzeugender Beweis von der Leistungsfähigkeit niedersächsischer Gymnasiasten.
Liebe Landessieger, ohne die Kompetenzen, die Sie sich in Ihrer bisherigen Schulzeit erworben haben, hätten Sie die zusätzliche Arbeitsbelastung vermutlich nicht bewältigen können. Daran wird deutlich, dass kompetenzorientiertes Lernen zugleich auch immer ein exemplarisches Lernen ist, d.h. dass eine einmal erworbene Kompetenz in unterschiedlichen Arbeitssituationen angewandt werden kann. Mit Ihren Kenntnissen und Fähigkeiten, die Sie sich im Unterricht angeeignet haben, konnten Sie sich den Zugang zu dem von Ihnen gewählten Autor erschließen.
Ich hatte gestern Abend Gelegenheit, mit dem einen oder anderen von Ihnen über Ihre Hausarbeiten zu sprechen. Aus Ihren Worten sprachen Genugtuung und Zufriedenheit – ja sogar Begeisterung – darüber, dass Sie in der Auseinandersetzung mit Ihrem jeweiligen Autor zu Erkenntnissen gelangt waren, die Sie als eine Bereicherung empfinden. In dieser Begegnung liegt das, was Sie ein Stück weit geprägt, geformt, - eben: - gebildet hat.
Kompetenzen und Inhalte bedingen sich also gegenseitig: Kompetenzen ohne Inhalten fehlt der persönlichkeitsbildende Gehalt; Inhalte ohne Kompetenzen haben diesen zwar. Er kann aber nicht erschlossen werden.
Damit Unterricht persönlichkeitsbildend wirkt, müssen in ihm Inhalte und Kompetenzen in einem Gleichgewicht, in einer Balance stehen.
Liebe Landessieger, angesichts der sehr schwierigen Situation, in der sich das Fach Griechisch befindet, hat es mich besonders gefreut, dass so viele von Ihnen ein griechisches Thema für ihre Hausarbeiten gewählt haben. Dabei ist mir aufgefallen, dass einige an ihrer Schule das Fach Griechisch gar nicht im Fächerangebot haben. Dass Sie sich dennoch für ein griechisches Thema entschieden haben, zeugt einerseits von Ihrem leidenschaftlichen Wissensdrang. Andererseits ist es ein Indiz dafür, wie hoch der Zuspruch für das Fach Griechisch sein könnte, wenn die Rahmenbedingungen andere wären.
Denn während die Schülerzahlen im Fach Latein nach wie vor ansteigen, ist nach der Einführung des achtjährigen Gymnasiums ein Einbruch im Fach Griechisch zu verzeichnen. Die Schulzeitverkürzung wirkt sich eindeutig zu Lasten der dritten Fremdsprache aus – und Griechisch wird eben nur als dritte Fremdsprache angeboten. Wenn nichts geschieht, müssen wir uns an den Gedanken gewöhnen, dass an den Gymnasien in Deutschland nach dem Englischen nur noch eine weitere Fremdsprache erlernt wird. Wenn nichts geschieht, müssen wir uns auch an den Gedanken gewöhnen, dass das Fach Griechisch – von wenigen Ausnahmen in den Großstädten abgesehen – völlig von der Bildfläche verschwindet. Wenn nichts geschieht ...
Wir rufen deshalb die Landesregierung dazu auf, geeignete Maßnahmen zu treffen, um zu gewährleisten, dass das Fach Griechisch auch künftig seinen spezifischen, für die kulturelle Identität Europas unentbehrlichen Bildungsbeitrag leisten kann.
Eine mögliche Maßnahme wäre, es sicherzustellen, dass in jeder größeren Stadt Niedersachsens mindestens eine Schule ein explizit altsprachliches Profil vorhält.
Eine weitere sinnvolle Maßnahme bestünde in der Entzerrung der Sprachenfolge. Im Regelfall wird in unserem Bundesland die erste Fremdsprache – Englisch – mit dem dritten Schuljahr, die zweite Fremdsprache mit dem sechsten Schuljahr und die dritte Fremdsprache mit dem siebten Schuljahr angeboten. Viele Schüler empfinden es als zu schwer, in zwei aufeinander folgenden Schuljahren – nämlich in den Schuljahrgängen 6 und 7 – jeweils mit einer neuen Fremdsprache zu beginnen. Sie verzichten deshalb darauf, eine dritte Fremdsprache zu erlernen. Es wäre also zu prüfen – und wir befürworten dies ausdrücklich - , ob nicht die im kommenden Jahr frei werdenden Ressourcen für eine generelles Vorziehen der 2. Fremdsprache auf den Schuljahrgang 5 genutzt werden könnten, so dass wir dann den schon lange angestrebten Zweijahresabstand 3/5/7 in der Sprachenfolge hätten.
Niedersachsen hat – und zwar als einziges Bundesland – den Beginn der dritten Fremdsprache vor einigen Jahren auf den Schuljahrgang 7 vorgezogen und hat damit einen durchaus mutigen ersten Schritt getan. Um den von der Sache her sinnvollen Zweijahresabstand zu erhalten, wäre es nun notwendig gewesen, den nächsten Schritt zu tun und den Beginn der zweiten Fremdsprache allgemein auf den Schuljahrgang 5 vorzuziehen. Allein diesen Schritt ist man nun nicht mehr gegangen. So haben wir heute die Sprachenfolge 3/6/7, die, wie ich schon dargelegt habe, für die dritte Fremdsprache sehr nachteilig ist. Die Sprachenfolge ist also noch immer eine Baustelle.
Sehr verehrte Damen und Herren, es wird Sie vielleicht überraschen, aber ich finde es absolut richtig, dass der Beginn der zweiten Fremdsprache nicht übereilt und planlos auf den Schuljahrgang 5 vorgezogen wurde.
Dieser Schritt müsste nämlich, wenn er nicht zu einer Überforderung der Schüler führen soll, curricular vorbereitet werden.
Denn mit dem Übergang auf das Gymnasium wird im Fach Englisch, nachdem in der Grundschule – eher spielerisch - nur nach dem Hörverstehen unterrichtet wurde, nun auch die Schriftsprache erlernt. Der Beginn des Englischunterrichts im Jahrgang 5 des Gymnasiums kommt gewissermaßen einem „Neustart“ gleich. Wenn nun gleichzeitig – und zwar curricular nicht abgestimmt – der Lateinunterricht begönne, könnte dies unsere Schüler leicht überfordern.
Deshalb ist für eine flächendeckende, verbindliche Vorverlagerung der zweiten Fremdsprache auf den Schuljahrgang 5 eine curriculare Verzahnung der ersten und zweiten Fremdsprache zwingend erforderlich. Das Bernhard-Riemann-Gymnasium in Scharnebeck, das Alte Gymnasium in Oldenburg und das Ratsgymnasium in Osnabrück haben mit der Einführung des LateinPlus-Modells diesen Weg bereits eingeschlagen. In einem gemeinsamen Sprachencurriculum der Fächer Latein und Englisch wurde verabredet, welcher Stoff zu welcher Zeit mit welcher Terminologie eingeführt wird und welcher Stoff nicht mehr eingeführt werden muss, weil er bereits von dem jeweils anderen Fach eingeführt wurde. Es hat sich gezeigt, dass sich eine Kommunikationssprache und eine Reflexionssprache durchaus gegenseitig bereichern können.
Dieses Modell, das in Süddeutschland auch als „Biberacher Modell“ bekannt ist, hilft, Verwechselungen und Doppelungen zu vermeiden und setzt gleichzeitig Synergieeffekte frei.
Es liegt, meine ich, auf der Hand, dass bei einer verpflichtenden Vorverlagerung der zweiten Fremdsprache die curriculare Verzahnung der Fächer Englisch und Latein nicht jeder Schule selbst überlassen werden kann. Es bedarf einer wissenschaftlichen Vorbereitung, die ihren Niederschlag natürlich auch in den Kerncurricula und in den Lehrbüchern der beteiligten Sprachen finden muss.
In Rheinland-Pfalz wird das dortige Schulprojekt „Latein Plus“ von einem gemeinsamen Forschungsprojekt der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Bremen wissenschaftlich begleitet. Dieses „ELiK“ genannte Projekt – d.h. „Englisch- und Lateinunterricht in Kooperation“ – hat besonders im Bereich der Lexik bereits beachtliche Forschungsergebnisse vorzuweisen.
Die curriculare Verzahnung der Fremdsprachen ist eine große Aufgabe – und die fachdidaktische Forschung steht – auf das Ganze gesehen - noch eher am Anfang.
Ich fasse zusammen: Um den notwendigen Zweijahresabstand in der Sprachenfolge herbeizuführen, müsste entweder der Beginn der dritten Fremdsprache auf den Schuljahrgang 8 zurückverlagert oder die zweite Fremdsprache müsste generell auf den Schuljahrgang 5 vorverlegt werden. Diese Maßnahme würde die curriculare Verzahnung der ersten und der zweiten Fremdsprache zwingend erfordern.
Wir empfehlen, den an sich ja schon eingeschlagenen Weg weiterzugehen und die curricularen Voraussetzungen für eine allgemeine Vorverlagerung der zweiten Fremdsprache auf den Jahrgang 5 auf den Weg zu bringen.
Der Niedersächsische Altphilologenverband ist bereit, das Kultusministerium bei diesem Vorhaben nach Kräften zu unterstützen.
Sehr verehrte Anwesende, erlauben Sie, dass ich abschließend nochmals auf die Schulzeitverkürzung zurückkomme. Diese hat zu einer deutlich höheren Arbeitsbelastung unserer Schüler geführt, hat ihnen, wie manche sagen, einen Teil der Jugend genommen. Ich kann diese Klagen sehr gut nachvollziehen. Für die Entwicklung junger Menschen ist es meiner Ansicht nach notwendig, dass sie auch Freiräume haben, in denen sie ihren persönlichen Neigungen nachgehen können. Die Forderung nach einer Entlastung der Schüler ist also durchaus berechtigt. Es stellt sich aber die Frage, wie diese Entlastung erreicht werden kann. Ich halte weder einen kurzfristigen Wiedereinstieg in eine 13-jährige Schulzeit noch die, wie mir scheint, recht schlagwortartige Forderung nach einer „Entrümpelung der Lehrpläne“ für zielführend. Diese setzt, nebenbei bemerkt, voraus, dass die Lehrpläne „Müll“ enthalten und ich wage zu bezweifeln, ob diejenigen, die eine solche Forderung erheben, überhaupt die Lehrpläne gelesen haben. Abgesehen davon, haben wir in Niedersachsen keine ‚Lehrpläne’ mehr, sondern kompetenzorientierte Kerncurricula. Gleichwohl will ich in diesem Zusammenhang für die Fächer Latein und Griechisch in aller Deutlichkeit sagen: Es ist, gerade im Bereich der Sprachkompetenz, nicht möglich, die Anforderungen beliebig herabzusetzen. Denn das Ziel des Spracherwerbs ist die Lektürefähigkeit. Damit diese erreicht werden kann, sind gewisse Sprachkenntnisse einfach unerlässlich.
Meine Damen und Herren, die Entlastung der Schüler sehe ich, Sie werden es ahnen, derzeit allein in einer Vernetzung der Fächer, ohne dass damit der spezifische Bildungsbeitrag des einzelnen Faches berührt wird. Aber nicht jedes Fach muss das Rad neu erfinden. Die Fächer können einander zuarbeiten und auf diese Weise, ich sagte es schon, Synergieeffekte erzielen. Dieser Weg ist lang. Ich gebe es zu. Ein Grund mehr, sich sofort an die Arbeit zu machen.
Liebe Anwesende, ich habe in meiner Rede auf die wirklich prekäre Situation des Faches Griechisch hingewiesen. Um so glücklicher bin ich, dass Sie, sehr verehrte Frau Dr. Schmoll, heute zu uns über Melanchthon sprechen werden. Ich kann mir in dieser Situation kein passenderes Thema vorstellen und freue mich schon jetzt auf Ihren Vortrag. |