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Griechisch ist europäisches Kulturgut

Verden.  Im nächsten Jahr werden die ersten Abiturienten, die eine verkürzte Gymnasialzeit bei gleichbleibender Anzahl Unterrichtsstunden durchlaufen haben, ihr Abitur erhalten. Die niedersächsische Schulpolitik der letzten Jahre habe unter Schülern dazu geführt, dass am Gymnasium immer seltener eine dritte Fremdsprache belegt werde, stellte der Landesvorsitzende des Niedersächsischen Altphilologenverbandes, Burghard Gieseler, in seiner Eröffnungsrede des Gräzistentages am Domgymnasium in Verden an der Aller fest.

Insbesondere das Fach Griechisch, in dem Schülerinnen und Schüler mit den Grundlagen europäischen Denkens, vertraut gemacht werden, sei davon erheblich bedroht. Griechisch ist aber ein Schlüsselfach europäischen Denkens und europäischer Kultur, bei dem man in Auseinandersetzung mit den altgriechischen Inhalten ein kritisches Bewußtsein von jungen Menschen entwickele, und das sei in einer zunehmend auf ökonomische Verwertungsinteressen von Bildung blickenden Wirtschaft für eine funktionierende Demokratie unabdingbar.

Wenn nichts geschehe, müsse man sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass die 3. Fremdsprache und somit auch das traditionsreiche Fach Griechisch aus den Gymnasien Niedersachsens verschwinden werde. Daher forderte Gieseler das Kultusministerium auf, die vorhandenen Standorte zu sichern, und den asymmetrischen Beginn der Fremdsprachen ( Englisch in Klasse 3, 2. Fremdsprache in 6, 3. Fremdsprache in 7) zu entzerren und den Beginn der dritten Fremdsprache wieder auf die 8. Jahrgansstufe zu legen.

Frau Dr. Sürmann, die Vorsitzende des Niedersächsischen Verbandes der Elternräte, hob aus Elternsicht den Bildungsbeitrag des Faches Griechisch im Fächerkanon des Gymnasiums hervor. Herr OStD Alfred Mangold sprach im Namen der Landesschulbehörde und des Kultusministeriums davon, dass die Schulverwaltung die Bedeutung des Faches Griechisch kenne und schätze, immerhin gebe es in Niedersachsen rund 100 Griechischlehrer.

Den Festvortrag hielt der bekannte Theologe und Therapeut Dr. Eugen Drewermann. Unter dem Thema „Vom Nutzen des Unnützen – warum Griechisch?“  sprach Drewermann über die Bedeutung der Bildungsinhalte des Faches Griechisch für die Entwicklung der Persönlichkeit.

Wer denke, Griechisch sei überflüssig, weil Kenntnisse in antiker Mythologie und klassischer Literatur ökonomisch nicht verwertbar seien, degradiere den Menschen vom Menschsein, das zweckfrei sei und bleiben müsse. Drewermann erinnnerte daran, dass dies im christlichen Mittelalter in Westeuropa unbekannt gewesen war. Es waren die Araber, die griechische Gedanken wieder in Europa bekannt machten. Aber erst in der Renaissance mit ihrer Abkehr vom katholischen Dogma und ihrer Rückkehr zu den Originalen wurde Griechisch wieder populär.

In Drewermanns Vortrag, der die Zuhörer quer durch die europäische Geistesgeschichte führte, wurde auch immer wieder auf den Nuancenreichtum der griechischen Sprache hingewiesen; einfühlsame Übersetzungen und Neuinterpretationen eigentlich bekannter Texte könnten, so der als Kirchenkritiker bekannt gewordene Theologe, viele Mißverständnisse und problematische Auslegungen von historischer Tragweite in ein neues Licht rücken, wie er an einigen Bibelexegesen und griechischen Mythosinterpretationen ausführte.

Im zweiten Teil des Gräzistentages boten zahlreiche Arbeitskreise ein praktisch orientiertes Fortbildungsprogramm: Die Referenten demonstrierten hier in ausgewählten Themen die vielfältigen Möglichkeiten einer modernen Unterrichtsdidaktik im Fach Griechisch.

Der Gräzistentag 2010 in Verden zeichnete insgesamt ein -trotz der schwierigen bildungspolitischen Lage- ein durchweg positives Bild von den inhaltlichen Chancen und Potentialen des Griechisch-Unterrichtes, der vor allem den selbständig denkenden Menschen ins Zentrum der (Aus-)Bildung stellt. Der Niedersächsische Altphilologenverband wird sich auch weiterhin für den Erhalt des Faches Griechisch im schulischen Bildungskanon einsetzen.

>> Link: Der Gräzistentag in Bildern