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Eröffnungsrede des Latinistentages 2009
– gehalten von Burghard Gieseler
am 18. September 2009
am Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasium, Hannover

Der Latinistentag 2009 fällt in eine bewegte Zeit. In gut einer Woche sind wir dazu aufgerufen, den nächsten deutschen Bundestag zu wählen. Die neue Bundesregierung wird sich, so viel lässt sich schon heute sagen, vor Herausforderungen gestellt sehen wie vermutlich noch keine Regierung vor ihr. Denn sie wird nicht mehr nur die Wirtschaftskrise selbst zu bekämpfen haben, sondern – und das dürfte viel schwieriger werden – deren Folgen. Die weltweit aufgelegten Konjunkturprogramme werden auslaufen – und was dann geschehen wird, kann heute noch niemand sagen. Wenn aber die Krise mit ihren Folgen bei den Menschen angekommen ist, wird die Politik nicht mehr allein mit wirtschaftlichen Maßnahmen reagieren können. Sie wird sich auch  - und vor allem – politisch mit der Krise und ihren Ursachen auseinandersetzen müssen.

Was die Ursachenforschung der gegenwärtigen Krise betrifft, wird man nicht lange suchen müssen. Die Fakten über die Immobilienblase in den USA sind hinreichend bekannt. Niemand wird heute noch unwidersprochen behaupten können, dass der unkontrollierte Kapitalismus angelsächsischer Prägung das Ende der Geschichte sei, sich der Markt gewissermaßen selbst reguliere – und zwar nach den Gesetzmäßigkeiten der Vernunft – und deshalb keiner Kontrolle von außen bedürfe. Es war aber, wie wir wissen, eben nicht die Vernunft, sondern die verantwortungslose und deshalb ganz und gar unvernünftige Gier nach Geld, die die gesamte Weltwirtschaft in eine schwere Krise gestürzt hat.

Noch vor einem halben Jahr erntete man bei dieser Feststellung beifälliges Kopfnicken in allen politischen Lagern. Heute jedoch habe ich – trotz Wahlkampf – den Eindruck, dass die Auseinandersetzung mit den Ursachen der Krise nicht sehr weit gekommen ist.

Wer stellt denn die weitgehende Kommerzialisierung der Gesellschaft grundsätzlich in Frage? Wer rüttelt denn an dem Dogma, dass alle gesellschaftlichen Bereiche – vom Krankenhaus bis hin zur Schule – nach dem Vorbild der Wirtschaft organisiert werden müssen?

Nach wie vor sollen Schulen wie Wirtschaftsbetriebe „gemanagt“ werden. Nach wie vor wird der Bildungsbegriff auf allgemeine abfragbare Kompetenzen eingeengt. Nach wie vor ist der Irrglaube verbreitet, Methoden könnten Inhalte ersetzen.

Methodenkompetenz – ich habe es schon oft gesagt – muss heutzutage eine Selbstverständlichkeit sein. Wer in der internationalisierten Arbeitswelt ins Berufsleben eintreten will, muss natürlich einen Sachverhalt selbständig oder im Team erarbeiten und angemessen präsentieren können; - keine Frage.

Die Kompetenzorientierung ist eine notwendige Vorbereitung auf die Arbeitswelt und hat ihren berechtigten Platz selbstverständlich auch in der gymnasialen Bildung. Sie ist aber – gewissermaßen als Berufspropädeutik – eindeutig der Ausbildung und nicht der Bildung zuzurechnen. Denn was den Menschen innerlich formt und bildet, ist doch wohl nicht seine Fähigkeit, eine Power-Point-Präsentation oder ein Literaturverzeichnis erstellen zu können. Vielmehr ist es die Begegnung und Zwiesprache mit den Inhalten eines Faches, die dem jungen Menschen hilft, seine Persönlichkeit zu entfalten

Die Ausbildung zielt auf das Berufsleben. Die Bildung zielt auf das ganze Leben. Wer zwar methodisch kompetent ist, sich aber nie mit den Grundfragen der menschlichen Existenz auseinandergesetzt hat, dürfte auf einem wenig tragfähigen Fundament stehen, um die vielfältigen Herausforderungen und Krisen, die niemandem erspart bleiben, bewältigen zu können. Deshalb darf die Ausbildung die Bildung nicht ersetzen.

Gleichzeitig, behaupte ich, ist die Persönlichkeitsbildung eine unerlässliche Voraussetzung für den Bestand unserer Gesellschaftsordnung.

So richten Führungskräfte – und ich komme nun wieder auf die Krise zurück - ,  denen eine ethische Anbindung fehlt, ihr Verhalten stets nach dem nächstliegenden persönlichen Vorteil aus. Es fehlt ihnen das Verantwortungsbewusstsein für das übergeordnete Ganze, für das Gemeinwohl. Da kann es schon mal passieren, dass sich der Manager eines insolventen Konzerns nach halbjähriger Tätigkeit die Taschen mit 15 Millionen Euro voll stopft ...

Ich frage mich manchmal, ob diejenigen, die die Verengung des Bildungsbegriffes auf das rein Zweckdienliche betreiben, überhaupt wissen, was sie da tun. (Einige, fürchte ich, wissen es.) Sie untergraben – und das sage ich mit großem Ernst – nicht  weniger als das Fundament unserer demokratischen Gesellschaftsordnung. Denn nichts braucht die Demokratie so sehr wie die selbständig denkende und verantwortungsbewusste Persönlichkeit des Staatsbürgers. Diktaturen brauchen Ja-Sager, Demokratien den unabhängig urteilenden Bürger, der beispielsweise im Vorfeld einer Bundestagswahl sich nicht von denen blenden lässt, die Allen Alles versprechen.

Eine Demokratie, die in der Bildungspolitik das Ziel der Persönlichkeitsbildung preisgibt, entzieht sich damit selbst die Grundlage, auf der sie steht.
Deshalb brauchen wir die Abkehr von der Verzwecklichung der Bildung. Die Bildungsziele müssen wieder in eine Rangordnung gebracht werden, in der unterschieden wird zwischen Ausbildung und Bildung, - in der das oberste Ziel die Persönlichkeitsbildung ist.

Meine Damen und Herren, mit der einseitigen Kompetenzorientierung zu Lasten der Persönlichkeitsbildung geht ein Strukturwandel im Schulsystem einher. Ob hier ein logischer Zusammenhang besteht, lasse ich an dieser Stelle offen. Jedenfalls gibt es in Niedersachsen wohl kaum noch einen Landkreis, in dem nicht eine weitere Gesamtschule eingerichtet wurde oder wird.

Um gleich allen Missverständnissen vorzubeugen: Der NAV stellt überhaupt nicht das pädagogische Konzept der Gesamtschule in Frage. Wir halten es – ganz im Gegenteil – für eine Bereicherung des Schulangebotes. Mit Freude sehen wir, dass sich das Fach Latein zunehmend auch an den Gesamtschulen etabliert, auch wenn nach wie vor mehr als 90% der Lateinschüler Gymnasiasten sind. Zu dem Kerncurriculum für die IGS der Schuljahrgänge 6 – 10 hat der NAV im Anhörungsverfahren eine sehr positive Stellungnahme abgegeben. Und in der Kommission für das Kerncurriculum der gymnasialen Oberstufe arbeiten, wovon ich mich selbst überzeugen konnte, die Lehrkräfte der Gesamtschule und des Gymnasiums kollegial und harmonisch zusammen.

Die Einrichtung zusätzlicher Gesamtschulen halten wir, wie gesagt, für eine Bereicherung, sofern ihr die Absicht zugrunde liegt, das schulische Angebot in einer Region zu erweitern. Wenn aber, wie dies gerade im Oldenburger Stadtteil Kreyenbrück geschieht, die drei vorhandenen Schulformen gegen den erklärten Willen der jeweiligen Schüler-, Eltern- und Lehrerschaft „auslaufen“ sollen – wie man dies verharmlosend nennt – , dann wird deutlich, wohin die Reise eigentlich gehen soll.

Der Niedersächsische Altphilologenverband hält es pädagogisch für sinnvoll und notwendig, dass der Staat verschiedenartige Schulformen bereithält, die auf die unterschiedlichen Lernbedürfnisse der Schüler Rücksicht nehmen. Deshalb kündigen wir denjenigen politischen Parteien und Gewerkschaften, die das vielfältige Niedersächsische Schulangebot durch eine Einheitsschule ersetzen wollen, schon heute unseren entschiedenen Widerstand an.

Wir fordern die Landesregierung auf, in dieser Frage standhaft zu bleiben und das hochwertige differenzierte Schulangebot in Niedersachsen zu erhalten.

Ich denke, unsere Haltung zu diesem Thema dürfte beachtet werden. Jedenfalls haben wir in der Vergangenheit wiederholt registriert, dass die Argumente des NAV im Kultusministerium Gehör fanden. Die Auseinandersetzung um die Stundentafel sei hierfür nur ein Beispiel.

Das ausführliche Gespräch, Frau Ministerin, das wir im April mit Ihnen über die Bekämpfung des Lehrermangels im Fach Latein haben führen können, haben wir als außerordentlich konstruktiv empfunden. Wir waren beeindruckt davon, dass Sie bereit waren, ein in Ihrem Hause bereits angedachtes Konzept zu Gunsten eines Ihnen von uns vorgelegten Konzeptes zurückzustellen.

Deshalb vertrauen wir weiterhin fest darauf, dass wir bei Ihnen stets ein offenes Ohr finden werden.
So haben wir etwa erfahren, dass im Kultusministerium ein Referentenentwurf zur Neufassung der PVO Lehr II kursiert, in dem die Zahl der Fachleiterbesuche auf  - man höre und staune - 6 begrenzt und schulformübergreifend nur ein ‚Besonderer Unterrichtsbesuch’ durchgeführt werden soll. Ich kann nicht beurteilen, ob ein ‚Besonderer Unterrichtsbesuch’ beispielsweise für den Grundschulbereich ausreichend ist. Wer aber Gymnasiallehrer werden will, muss sowohl im Schuljahrgang 5 als auch im Schuljahrgang 12 mit der Methodik und Didaktik seiner Fächer vertraut sein. Es liegt doch wohl auf der Hand, dass für die Gymnasiallehrerausbildung ein ‚Besonderer Unterrichtsbesuch’ völlig unzureichend ist.

Der Niedersächsische Vorbereitungsdienst steht im Ländervergleich weit oben. Die vorgesehenen Veränderungen würden zu einem inakzeptablen Qualitätsverlust führen.
Ich denke, dass in dieser Sache noch nicht das letzte Wort gesprochen ist.

Ein weiterer Punkt, der uns große Sorgen bereitet, ist der Fortbestand der 3. Fremdsprache nach der Schulzeitverkürzung.
Das Angebot, Latein als 3. Fremdsprache zu wählen, wurde bislang an vielen Standorten gerne genutzt. Das Fach Griechisch wird ohnehin nur als 3. Fremdsprache angeboten. Seit der Verkürzung der Schulzeit beobachten wir einen Besorgnis erregenden Rückgang der 3. Fremdsprache, der befürchten lässt, dass künftig nur noch an wenigen Ausnahmeschulen drei Fremdsprachen erlernt werden können.

Da wir uns bewusst sind, dass die Schulzeitverkürzung in einem deutschland- , ja europaweiten Trend liegt, fordern wir nun nicht gleich wieder den Einstieg in die Schulzeitverlängerung, so wünschenswert dies vielleicht auch wäre.

Realistischer erscheint es uns, nach dem Wegfall des 13. Schuljahrgangs die Sprachenfolge zu entzerren. Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, dass es für die Schüler höchst ungünstig ist, in zwei aufeinander folgenden Schuljahren – nämlich in den Schuljahrgängen 6 und 7 – mit einer neuen Fremdsprache zu beginnen. Es wäre deshalb zu prüfen, ob die im Jahr 2011 frei werdenden Ressourcen nicht für ein generelles Vorziehen der 2. Fremdsprache auf den Schuljahrgang 5 genutzt werden könnten, so dass wir dann endlich den schon lange angestrebten Zweijahresabstand 3/5/7 in der Sprachenfolge hätten.

Sehr verehrte Damen und Herren, lassen Sie mich  abschließend noch einmal Dank sagen: Ich danke Ihnen, sehr verehrte Frau Prof. Gärtner, herzlich dafür, dass Sie von Potsdam zu uns nach Hannover gekommen sind. Als ich Sie schon vor längerer Zeit anrief, waren Sie spontan bereit, heute das Hauptreferat zu übernehmen. Ich freue mich, von Ihnen Neues über „Phaedrus und das Spiel mit der literarischen Gattung“ zu erfahren.

Danken will ich an dieser Stelle auch all denjenigen – vom Hochschulprofessor bis hin zur Studienreferendarin - , die heute nachmittag einen Arbeitskreis übernommen haben. Die Bandbreite der Themen macht deutlich, dass wir Bewahrenswertes bewahren wollen und gleichzeitig Freude daran haben, Neues auszuprobieren und die Entwicklung voranzutreiben.

Liebe Kolleginnen und liebe Kollegen, ich wünsche Ihnen einen anregenden Latinistentag 2009.