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im Deutschen Altphilologenverband (DAV)
Jahrgang LIX Heft 1, 2009

 
   
 

 
 

Erste Fragen an Das neue Lehrwerk "intra"

A)1) Die Hauptsache ist das "Satzgliederhaus", aber vorweg ein paar kleine Punkte. Auf den beiden Seiten 100/101 wird rein auf Deutsch "Sanfte Lehrmeister – die Fabeln" das Thema Fabeln behandelt (Wesenszüge, Aufbau. Mit entsprechenden Aufgaben – auf Deutsch). Ich dachte, so etwas sei Sache des Deutschunterrichts und der Lateinlehrer dürfe das dann voraussetzen. Oder müssen wir alles selber machen oder überhaupt alles machen? Und das, obwohl unsere Stundenzahl immer mehr beschränkt worden ist!

2) Ebenso verwundert mich, dass es jetzt Übersetzungen ins Lateinische gibt. Wo kommt denn das her? Das ist wieder eine Mehrbelastung, eine Erhöhung des Anspruchs an den Lateinunterricht. Die Sache ist gut, aber dann brauchen wir auch wieder m e h r Stunden.

3) Die Götter: Auf Seite 137 sind die 12 Götter genannt, griechisch - lateinisch. Das ist aber auch alles, die bloßen Namen, bis auf Apollo, "der Gott der Musik". Eine Lehre zu den Reichen ( Bereichen der Götter, meinetwegen zu ihren Funktionen) fehlt völlig. Nur dass Artemis halbnackt, Venus sogar meistens ganz nackt dargestellt wird, wird der Erwähnung für wert gehalten. Ist das dem Einfluss von BILD geschuldet? Unmittelbar anschließend kommt die antike Götterkritik zu Wort (Xenophanes). Das ist das alte 68er-Schema; Bevor ich noch weiß, was etwas ist, weiß ich schon, dass ich dagegen bin. Unfassbar.

4)Auf Seite 44 ist im Lehrerband 1 ein weiterführender Hinweis auf "Wikipedia und bei http://www.die-roemer-online. de" gegeben. Ist das nicht purer Modernismus, noch dazu in kurzer Zeit für htttp...womöglich unbrauchbar, weil überholt, weil geändert? Oder geben die Verfasserinnen ihrem Buch überhaupt nur 5 Jahre. Sollte das alte Latein (aere perennius) auch so schnelllebig werden? Dann verflüchtigt sich selbst der neue Ansatz der historischen Kommunikation. Dass die Verfasser nebenbei noch die Modernität der Kollegen und Kolleginnen im Blick haben und sie fördern wollen – wahrlich, sie fühlen sich für alles verantwortlich und zuständig. Die Tragödie ist vorprogrammiert - zeigt der Hinweis, dass die Lehrer sich selbst auch auf die Suche machen sollten, "damit man sich anschließend nicht blamiert." Ich dachte immer, Erziehung solle u.a. zu Unabhängigkeit führen, auch/gerade vom Zeitgeist, neumodisch gesagt, zur Selbstkompetenz.

B) Genug dieser Kleinigkeiten, das Satzgliederhaus sollte unser Hauptthema sein: Vielleicht geht es ohne Kopie des Hauses (letzte Seite des "Lehrerbandes I" und ohne den Abschnitt "Umgang mit..." aus demselben Lehrerband (S.19f). Die Idee mag von der häufigen Metapher des Lateins als eines Baukastens mit Baukastensteinen (Baukastencharakter) herrühren, aber sonst finde ich keine Entschuldigung. Das Haus ist mir viel zu statisch. Wieso sollen Objekt (gibt es nicht in Wirklichkeit zwei, die wohl unterschieden sein wollen?) und Adverbiale im Obergeschoss sein? Was soll das veranschaulichen? Warum ein Dach und Schornstein? Aber was viel wichtiger ist: Welche Verbindung besteht denn zwischen Subjekt und Prädikat? Was soll die Tür versinnbildlichen? Die Lösung des "verdeckten Subjekts" durch den Hinweis, Frau Subjekt gehe eben manchmal auf eine Tasse Kaffee zu Herrn Prädikat hinein, ist doch himmelschreiend in ihrer Metaphorik. Sie klärt nichts, im Gegenteil, sie lässt es willkürlich erscheinen, ob Frau Subjekt bei Herrn Prädikat ist ("Sie liebt es"... S.20)

Irgendwo habe ich gelesen (kann es aber nicht gleich wiederfinden), wenn das Prädikat aus zwei Teilen bestehe (schon in der 1. Lektion steht "Theophilus magister est), solle man das Prädikatzimmer durch eine (gestrichelte) Linie in zwei Hälften teilen. Dass von einem solchen Prädikatszimmer aber dann keine Treppen nach oben führen k ö n n e n – es also auch solches gibt (wichtige Strukturerscheinung – es müsste also dann zwei Arten von Häusern geben), das ist hier eine den Beginn charakterisierende und grundlegende Halbwahrheit. Noch viel schlimmer als diese Verirrung mit dem Haus ist, dass sie überhaupt passieren k a n n. Es gibt in der Didaktik des Anfangunterrichts nichts, in der nicht existenten Debatte nichts, von dem die Damen von "Intra" sich abheben m ü s s e n, gegen das sie den Hauseinfall als besser oder mindestens gleich gut verteidigen müssten. Hier ist offenbar ein Niemandsland, in dem jeder nach Lust und Laune, in Freiheit von jeglicher Richtlinie oder leitender Vorstellung, was man überhaupt will oder sollte, sich tummelt. Ich sehe hier nicht einen einzelnen Fall, sondern ein Symptom für ein Loch ohne Boden. Wir sollten es schleunigst beseitigen, das im wahrsten Sinn fundamentale Defizit.

Klaus Elsner