Buchempfehlung
Der „Thesaurus Latinus“
– Eine neue lateinische Wort- und Formenkunde für den Schulgebrauch –
Wer sich mit der einschlägigen lateinischen Fachdidaktik beschäftigt, kann leicht den Eindruck gewinnen, der Lateinunterricht sei primär auf die Lektüre- und Grammatikarbeit gerichtet. Bereits die Lehrwerke spiegeln diese Dichotomie im Ansatz wider. Nicht selten gerät dabei die systematische und damit didaktisch bewusste Wortschatzarbeit bereits in der Spracherwerbsphase in den Hintergrund. Dies gilt auch – und vielleicht ganz besonders – für die Wortschatzarbeit in der Lektürephase. Für einen gelingenden und fruchtbaren Lektüreunterricht können folgende Vermittlungskategorien hervorgehoben werden:
- der Grad der Verfügbarkeit über das bisher erlernte Vokabular
- die Relevanz der Vokabeln für die jeweils zugrunde gelegten Autoren
- die Verknüpfung mit semantischen Korrelaten
- der Umgang mit dem Vokabular (z. B. Aussprache)
- die Art der Vermittlung des Vokabulars
Die Ansprüche an eine lateinische Wortkunde sind damit vielfältig. Fachwissenschaftliche, fachdidaktische und nicht zuletzt lernpsychologische Überlegungen greifen ineinander, sodass eine Publikation auf diesem Gebiet immer auch eine große Herausforderung darstellt. Dieser hat sich der Gymnasiallehrer Dr. Matthias Hengelbrock mit seinem jüngst erschienenen „Thesaurus Latinus“ gestellt. Im Folgenden soll anhand einiger ausgewählter Beispiele aufgezeigt werden, wie sich die neue Wortkunde mit Blick auf die oben aufgeführten Kriterien präsentiert.
Ein Vorzug des „Thesaurus Latinus“ besteht zunächst darin, dass das Verzeichnis der lateinischen Vokabeln aus einer vieljährigen schulbezogenen Lektürepraxis erwachsen ist. Grundstock des lexikalischen Teils ist nach Angaben des Verfassers der Vokabelbestand von Lehrbüchern, die an vielen Schulen unseres Landes verwendet werden. Darüber hinaus wurden häufig wiederkehrende Vokabeln aus gängigen Lektüreheften von Cicero bis Tacitus aufgenommen. Bereits dadurch konnte eine Auswahl getroffen werden, die mit Recht als exemplarisch bezeichnet werden kann.
Mit der Erkenntnis, dass sich organisiertes Lernen und Nachschlagen stets in sinnvollen Kontexten vollziehen, bietet der Verfasser die einzelnen Lemmata so, dass vielfältige Sinnstiftungen und Referenzen sichtbar werden: sei es, dass Kasus- und Wortverbindungen aufgezeigt werden (z.B. zu auxilium: auxilia, auxilio esse, auxilio mittere, auxilium petere a), sei es, dass der Lernende gleichzeitig nützliche Hinweise zu Quantitäten und Konstruktionen erhält (z.B. auxilium: auxiliī n. (kurzes i); auxilia, auxiliōrum Pl. n.; auxiliō (Dat. fin.) esse; auxiliō (Dat. fin.) mittere; auxilium petere ā m. Abl.), sei es dass Eigenheiten für Schüler knapp und präzise entwickelt werden (z.B. Rōmae - in Rom [< *Rōmaī, alter Lokativ].
Von großer Bedeutung war bei der Abfassung des „Thesaurus Latinus“ offensichtlich auch die Präsentation des jeweiligen Referenzrahmens. Ganz im Geiste Ludwig Wittgensteins steht nämlich die Verwendung des Wortes im Vordergrund. Im Sinne des semiotischen Dreiecks werden hier Wortkörper, Begriff und Sache aufeinander bezogen: Dabei wurden syntaktische Besonderheiten aufgenommen (s.o. auxilium), wird auf mögliche Verwechselungen aufmerksam gemacht (z.B. collis, collis m. (gem. Dekl.) - Hügel; Anhöhe [ ≠ collum „Hals“], werden Etymologien transparent (z.B. oboedīre gehorchen [ < *ob- abaudīre]) und syntaktische Phänomene auf die lexikalische Ebene verlagert, wie folgende zwei Beispiele zeigen: Caesare auctōre (nom. Abl. abs.) - auf Caesars Veranlassung; omnia quae Pl. n. - alles, was (Sg.). Entsprechend der Akzentuierung des kulturhistorischen Kompetenzerwerbs im Kerncurriculum bietet der Autor für häufig verwendete Begriffe aus der römischen Rechts- und Verwaltungssprache kurze Sacherläuterungen, wenn z.B. mūnicipium zusätzlich kommentiert wird durch „Stadt in Italien oder einer Provinz mit bestimmten Vorrechten wie Selbstverwaltung o. Ä., ganz abgesehen davon wird auf diese Weise ein Ordnungs- und Orientierungsrahmen zur besseren Erlernung des Wortes geschaffen.
Besonders die Wahrnehmung der Vokalquantitäten und damit die umfangreichen, aber dennoch übersichtlichen Angaben zur richtigen Aussprache des Lateinischen erlauben eine kritische Prüfung des im Rahmen des Spracherwerbs erlernten Vokabulars [z.B. comes, cómitis, m. (kurzes o, kurzes e) – Begleiter; Gefährte]. Die Erfahrung zeigt, dass gerade auch für die metrische Analyse lateinischer Dichtung eine sichere Beherrschung der Quantitäten unerlässlich ist.
Mit Blick auf andere Sammlungen zur lateinischen Wortkunde für den Schulgebrauch nimmt der „Thesaurus Latinus“ eine besondere Stellung ein: Bietet er mit seinen 3350 Vokabeln des Grund- und Aufbauwortschatzes einerseits einen deutlich größeren Wortschatz als andere Lernverzeichnisse, so weist er andererseits 750 Angaben zu Kasus- und Wortverbindungen auf, die den Schülerinnen und Schülern in der Lektüre der gängigen Schulautoren immer wieder begegnen. Vor allem der entschiedene Bezug zur Praxis, aus der die neue Wortkunde hervorgegangen ist, belegt eine konsequente Schülerorientierung.
Mit dem „Thesaurus Latinus“ gelingt es dem Verfasser in überzeugender Weise, das lateinische Vokabular so zu präsentieren, wie es den Anfordernissen an ein modernes Vocabularium entspricht. Eine zusätzliche Schülerhilfe bieten darüber hinaus die Formentabellen im zweiten Teil des Thesaurus. Gerade im Schulalltag offenbaren sich immer wieder Unsicherheiten im Bereich der Morphologie. Die übersichtliche Darbietung ermöglicht ein zügiges Nachschlagen, aber auch ein gründliches „Nachmemorieren“ grundlegender Paradigmen, geordnet nach Substantiven und Adjektiven sämtlicher Deklinationsklassen, Pronomina, und Verben aller Konjugationsklassen. Auch hier wurde darauf geachtet, dass die Schülerinnen und Schüler Sensibilität und Sorgfalt im Umgang mit der Aussprache weiterentwickeln. Ebenso können die Vorschläge zur Unterrichtsmethodik als sehr hilfreich empfunden werden.
Der „Thesaurus Latinus“ empfiehlt sich damit als eine Wort- und Formenkunde, die für die Schulpraxis eine ideale Ergänzung zu den Schulausgaben lateinischer Texte darstellt. Der „Thesaurus Latinus“ ist bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen und kostet 12,90 € (ISBN 978- 3- 525- 25700-5).
Dr. Friedgar Löbker |