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Jahrgang LIX Heft 2, 2009

 
   
 

 
 

Buchtipp

Raimund Schulz – Kleine Geschichte des antiken Griechenland, Reclam: Stuttgart 2008

Kaum eine Kultur mag das moderne Europa in Kunst und Wissenschaft, in Literatur und Philosophie, in Politik und Wirtschaft so nachhaltig geprägt haben wie die des antiken Griechenland. Gerade aber deshalb stellt sich die Frage nach den historischen Bedingungsfaktoren, die kulturelle Leistungen ermöglichten, von denen eine so prägende Kraft ausgehen konnte.

Die „Kleine Geschichte des antiken Griechenland“ aus der Feder des Historikers Raimund Schulz gibt plausible Antworten auf diese Fragen. Schwerpunktsetzungen und Leitthemen bestimmen die kleine Monographie, nicht etwa der Anspruch auf eine vollständige Erfassung des Gegenstandes. Charakteristisch für die Darstellung ist der Versuch, die Einbindung der griechischen Stadtstaaten in überregionale und häufig mächtigere Machtstrukturen der östlichen Mittelmeerwelt zu berücksichtigen - anders als beispielsweise noch in der Kulturgeschichte Egon Friedells. Der Blick des Lesers richtet sich damit zunächst weniger auf die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen in den kleinen Polisgemeinschaften der griechischen Staatenwelt als vielmehr auf die Rahmenbedingungen in der griechischen Peripherie. Dies zeigt sich beispielsweise darin, dass die Apoikien an der kleinasiatischen Westküste auf Gründungsmythen zurückgreifen, um sich im Gefüge der Stadtstaaten und Mächte zu legitimieren und zu behaupten. Der Althistoriker Schulz erklärt überzeugend und anschaulich, warum eine kulturelle Blüte und ein vergleichsweise erstaunlicher Wohlstand in Ionien möglich werden konnten. Mit großer Prägnanz wird die Bedeutung des Handels herausgearbeitet, durch den eine „polisübergreifende Diskussion der drängendsten Probleme“ geführt werden konnte (S. 103). 

Weitgehend chronologisch geordnet wird die antike griechische Geschichte in zehn Kapiteln dargeboten – beginnend mit dem Trojamythos und der mykenischen Kultur über die Verfassungsbildung in den Poleis des 7. und 6. Jahrhunderts, die Perserkriege und ihre Bedeutung für die griechische Welt bis hin zum Aufstieg Athens (Kap. I- IV). Vergleichsweise ausführlich und detailliert wird der Blick auf die griechische Welt im Zeitalter des Peloponnesischen Krieges geworfen. Anders als beispielsweise bei Wolfgang Schuller (1980) oder Hermann Bengtson (1977) verzichtet Schulz zugunsten einer klaren Übersicht und mit sicherem Gespür für die „große Linie“ auf Einzelheiten und Nebenschauplätze, die in einer „Kleinen Geschichte“ durchaus ausgeblendet werden dürfen.

Der Aufstieg Makedoniens, Alexanders Weltherrschaftsstreben und die hellenistische Staatenwelt (Kap. VI – VII) wird mit großer Hingabe und einer Tendenz zu   anthropologischer Erklärungsweise dargestellt: Dem Althistoriker gelingt es nämlich, die Fülle von Ereignissen und Entwicklungslinien mit einer geradezu psychologischen Deutung von Entscheidungen und Handlungen der jeweiligen historischen Akteure zu verbinden. So erscheinen Alexanders Erfolge und politische Ambitionen als Ausdruck menschlicher Hybris aus dem Blickwinkel der Vertreter der alten Philosophie, die Logos und Maß zur Leitmaxime menschlichen Handelns erhoben hatten (S. 295-297). Der chronologische Ansatz wird durch strukturgeschichtliche Teilkapitel ergänzt (Kap. VIII): Der Leser erhält Einblicke in viele Bereiche der griechischen Poliswelt: Theater und Gymnasien, Philosophenschulen sowie religiöse Feste und Kulte. Grundlinien werden auch hier aufgezeigt; ihre didaktische Schwerpunktsetzung ist unverkennbar: Sie spiegeln den Gedankenreichtum, die geistige Mobilität und den Sinn für das Spekulative der Griechen als ein großes kulturelles Erbe wider.

In den letzten beiden Kapiteln behandelt Schulz die zunehmende Einflussnahme Roms auf die östliche Mittelmeerwelt und die sich entwickelnden Abhängigkeiten der griechischen Stadtstaaten. Dabei beschränkt sich der Historiker auch hier nicht auf eine bloße Darstellung des Faktischen, sondern fragt nach den Ursachen des beginnenden Niedergangs - insbesondere in den kleinen Monarchien des Ostens (Kap. IX). Im Schlusskapitel werden die Rahmenbedingungen charakterisiert, unter denen sich „griechisches Leben“ artikulierte: Schulz versteht es dabei, den Blick auf die Kategorien wie „Widerstand“ und „Anpassung“ zu richten, so dass trotz der Detailfülle auch in diesem Kapitel die Übersicht nicht verloren geht.

Insgesamt hat Raimund Schulz eine Monographie verfasst, in der auf der gesamten Breite sichtbar wird, dass hier ein Historiker schreibt, der souverän und mit profunder Kenntnis seine Disziplin repräsentiert. Schulz knüpft an eigene vorherige Forschungsschwerpunkte an: Dazu gehört beispielsweise die besondere Wahrnehmung des Handels und die Akzentuierung der maritimen Mittelmeerwelt sowie der Fokus auf griechische Eliten in der Zeit des Späthellenismus. Er begnügt sich nicht damit, von anderen erzielte Ergebnisse einfach zu reproduzieren. Natürlich wird sich der Leser auch nach der Lektüre des Buches mit Fragen an die griechische Geschichte wenden: Wirkt die athenische Perspektive mit Blick auf die Verfassungsentwicklung (Kap. IV und V) nicht allzu dominant? Wie rechtfertigt sich die kursorische Behandlung des Perserreiches? Ist Sparta wirklich kein Sonderfall in der archaischen Zeit?

Anders als beispielsweise Alfred Heuß in seiner 1962 veröffentlichten Griechischen Geschichte ist die Fundierung in der literarischen Überlieferung bei Raimund Schulz weniger ausgeprägt. Hier liegen aber auch andere Ansprüche und Anforderungen vor. Diesen gerecht zu werden, gebührt anderen literarischen Unternehmungen, wie sie jüngst Christian Meier mit seinem ersten Teil der griechischen Geschichte vorgelegt hat und in weiteren Bänden fortsetzen möchte.

Die „Kleine Geschichte des antiken Griechenland“ liest sich trotz ihrer thematischen Breite und Informationsfülle leicht und flüssig, bietet Überblick und Anschaulichkeit und wird auch für denjenigen, der sich nicht nur aus historischem Interesse der Materie zuwendet, viele überraschende und anregende Deutungen und Interpretationen bereit halten. Nicht zuletzt wird er erkennen können, wie sehr die griechische Welt ihr prägendes Erbe hinterlassen hat.