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Besprechung der Publikation: Warum Latein ? – Zehn gute Gründe, von Friedrich Maier, Stuttgart: Reclam 2008
Die Frage „warum Latein?“ verwundert vielleicht den Lehrer des altsprachlichen Unterrichts und des Lateinischen insbesondere. Warum scheint es wieder ein Bedürfnis zu sein, Latein als Unterrichtsfach zu rechtfertigen? Wer rechtfertigt, gesteht doch ein, rechtfertigen zu müssen? Aber es wäre weit gefehlt, die jüngst erschienene Broschüre Friedrich Maiers als einen weiteren Versuch zu betrachten, den berechtigten Stellenwert des Faches Latein zu beschwören.
Wir erinnern uns: Vor nunmehr 40 Jahren veröffentlichte der damalige Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung Saul B. Robinsohn seine Programmschrift „Bildungsreform als Revision des Curriculum“, die eine umfassende Überprüfung der deutschen Curricula einleitete. Einerseits wurden die Ansprüche der Gesellschaft akzentuiert, andererseits die Lernbedürfnisse der Schülerinnen und Schüler. Die Gefahr dieser damals neu formulierten Anforderungen bestand darin, all die Lerninhalte, die sich nicht unmittelbar ableiten ließen, als überholt zu verwerfen.
Es lässt sich sicherlich nicht ganz von der Hand weisen, dass in den kompetenzdefinierten Lerninhalten, die gegenwärtig in der Curriculumentwicklung formuliert und bestimmt werden, eine gewisse Nähe zu den damaligen Postulaten nach Anwendbarkeit und Verwertbarkeit erkennbar wird. Diese weitgehend unmittelbare Anwendungsorientierung liegt nämlich dem Kompetenzbegriff im Ansatz ebenfalls zugrunde.
Gleichwohl darf dabei nicht übersehen werden, dass die damaligen vehementen Angriffe gegen humanistische Bildungskonzepte, die weit über Robinsohn hinausgingen, geradezu eine Flut didaktischer Literatur ausgelöst haben. Der Diskurs zwischen Gegnern und Verteidigern der klassischen Bildung hat dazu beigetragen, dass die „Alten Sprachen“ nicht nur die „ungemein bedrohliche Lage“ (Kipf) überdauern, sondern auf ein neues Fundament gestellt werden konnten. Die Didaktik der Alten Sprachen öffnete sich den Anfragen des Individuums und der Gesellschaft. Das Denken im sog. „Didaktischen Dreieck“ wurde zum Proprium des altsprachlichen Unterrichts. Davon zeugen die kaum noch überschaubaren Publikationen insbesondere zur lateinischen Fachdidaktik und Fachmethodik. Immer wieder gab es auch Veröffentlichungen zur Begründung des Faches – um nur einige zu nennen: M. Fuhrmann: Alte Sprachen in der Krise?, Stuttgart 1976; K. Bayer (Hrsg.): Lernziele und Fachleistungen. Ein empirischer Ansatz zum Latein-Curriculum, Stuttgart 1973; P. Barié: Wieso Latein?, H-J. Glücklich: Konturen eines Faches, in: Höhn/Zink, Handbuch für den Lateinunterricht der Sekundarstufe I, Frankfurt/M. 1987, S. 7-28.
Friedrich Maier bezieht sich in seiner Schrift „Warum Latein? – Zehn gute Gründe“ vor allem auf entsprechende Publikationen der vergangenen zehn Jahre: beispielsweise K.-W. Weeber: Mit dem Latein am Ende? Tradition mit Perspektiven, Göttingen 1998; M. Fuhrmann: Latein und Europa, Köln 2001; W. Stroh: Latein ist tot, es lebe Latein. Kleine Geschichte einer großen Sprache, Berlin 2007. Und insbesondere die eigenen Publikationsschwerpunkte Friedrich Maiers unter dem Stichwort „Antike und Gegenwart“ mit ihrer europäischen Perspektive standen der Broschüre Pate.
Gewiss, die Ausführungen und Argumente, die Friedrich Maier, hinsichtlich der Bedeutung des Faches Latein zusammenträgt, sind den Lesern dieses Forums zumeist vertraut, dennoch wäre es nicht überflüssig, die kleine Schrift gewissermaßen wie ein „Encheiridion“ in der eigenen Aktentasche mit sich zu führen. Es wäre dabei vielleicht übertrieben, die Publikation Maiers als Anleitung zum glücklichen Leben zu sehen, wie der Titel der entsprechenden Schrift Epiktets lautet, aber sie ist ohne Zweifel eine überschaubare, gut strukturierte und plausibel gestaltete Zusammentragung wichtiger Zusammenhänge: Bevor Maier die „zehn Gründe“ ausführlich darstellt, gibt er im ersten Teil einen Überblick über die Bedeutung des Lateinischen - sei es als europäische Basissprache mit einem kurzen historischen Abriss (S. 6- 7), sei es als Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Aufmerksamkeit, die die Öffentlichkeit dem Fach Latein entgegenbringt (S. 8- 13); dabei wird auch die Perspektive der Eltern unserer Schülerinnen und Schüler berücksichtigt und mit einem eigens durchgeführten Untersuchungsprojekt untermauert (S. 14- 19). Gerade mit dieser Erhebung holt Maier dazu aus, Latein als „Gymnasialfach par excellence“ zu begründen (S. 17- 19): Sprachbildung und Werteerziehung stellen dabei die tragenden Fundamente des Faches Latein dar; beide zielen darauf, die Persönlichkeit des Individuums im gesellschaftlichen Kontext herauszubilden und zu formen. – Oftmals wurden in der Vergangenheit Argumente zugunsten des Faches Latein gleichsam postuliert, ohne dass sie jedoch plausibel nachgewiesen wurden. Friedrich Maier bemüht sich um sachgerechte Begründung mit zahlreichen Beispielen und Literaturzitaten (insbes. S. 18- 23). Es gelingt ihm, Latein gewissermaßen als „Weltkulturerbe“ darzustellen: Begegnung und Aneignung mit dem Lateinischen werden hier auch immer als Formung und Umformung, als Identitätsstiftung und –gestaltung begriffen.
Im zweiten Teil der Publikation werden wesentliche Argumente wieder aufgenommen, konkretisiert, mit Beispielen untermauert und einer mikroskopischen Analyse unterzogen. Hier finden sich sachgerechte und schlüssige Antworten auf Behauptungen, die im Rahmen mancher Informationsabende an Schulen zu hören sind: Latein fördere das logische Denken, Latein trage dazu bei, Sprache systematisch zu begreifen, Latein sei ein hervorragendes Training für die Muttersprache, Latein erleichtere das Erlernen moderner Fremdsprachen, Latein verbessere rhetorische Fertigkeiten, Latein führe dazu, dass sich das Individuum in einem großen gemeineuropäischen kulturellen Kontext wahrnehmen und begreifen könne etc.pp.
Friedrich Maiers Verdienst ist es hier, sich dieser und ähnlicher Thesen gewissenhaft anzunehmen; er erläutert knapp, aber beispielhaft die Bedeutung des Lateinischen für das Deutsche (S. 24- 34), er vergegenwärtigt die Funktionsweise der deutschen und lateinischen Sprache und Grammatik (S. 29- 34). Aspektreich und plausibel sind die Ausführungen zu dem Argument: „Wer Latein lernt, lernt logisches Denken“ (S. 34- 37). Zentrale Kapitel widmen sich dem Zusammenhang zwischen Latein und den europäischen Sprachen und Kulturen (S. 38- 63). Auch wenn oftmals bekannte Argumente dargeboten und ausgeführt werden, so nimmt der Leser doch das Lateinische wie ein spektrumreiches Klanggemälde wahr: Latein in den Bereichen Semantik und Grammatik, Rhetorik und Psychologie, Geschichte und Mythologie, Literatur und Musik, Jurisprudenz und Staatskunde, Rezeption und Tradition (S. 38-73). Im letzten Abschnitt wird die besondere Bedeutung des Lateinischen für die Studierfähigkeit herausgearbeitet; dazu gehören auch die unterschiedlichen Anforderungen und Auflagen für die Latina an den Universitäten in der Bundesrepublik Deutschland (S. 74-77).
Insgesamt bietet also Friedrich Maier mit seiner Publikation „Warum Latein ? – Zehn gute Gründe“ einen zusammenfassenden Überblick über die Bedeutung des Lateinischen unter Berücksichtigung und Einbeziehung von Argumenten und Ausführungen, wie sie in den vergangenen Jahren vorgetragen wurden. Der Bezug zum Schulunterrichtsfach ist offensichtlich, aber nicht zwingend. Es wendet sich an all diejenigen, die sich mit dem Lateinischen befassen oder befassen wollen. Ans Herz gelegt sei es auch jenen, die nicht aufhören wollen, nach der unmittelbaren Verwertbarkeit und Nützlichkeit der Lerninhalte des Faches Latein zu suchen.
Friedgar Löbker
Heike Schmoll, Lob der Elite, München 2008
In einer Zeit, da Bildungsfragen öffentliche Debatten bestimmen und selbst im Kontext von Landtagswahlen Bildung zu den Zentralthemen der Politik gehört, suchen nicht mehr bloß Experten auf dem Gebiet der Erziehungswissenschaften nach Lösungen für die ungezählten Probleme in Erziehung, Bildung und Ausbildung. Längst ist „Bildung“ ein Thema geworden, das in der gesamten Breite der Öffentlichkeit diskutiert wird. Angesichts der vielfältigen Anforderungen in den heutigen Berufen, der Bedeutung hoher Qualifizierung für jeden Einzelnen, der am Wohlstand einer Gesellschaft partizipieren möchte, und nicht zuletzt des sich rasant entwickelnden Wissens scheint die Forderung nach Entwicklung von Kompetenzen eine Zauberformel geworden zu sein, die eine Lösung für all die Problemfelder verspricht.
Aber die Gefahr der Zurückdrängung von Bildungsinhalten zugunsten vordergründiger Fertigkeiten wird dabei nicht nur von ausgesprochenen Experten im Bildungswesen angemerkt. Im Kern ihres inhaltsreichen Buches beschäftigt sich Heike Schmoll, Redakteurin bei der FAZ, mit diesem Fragenkomplex. Dabei analysiert sie diachron und systematisch, wie sich seit der griechischen Antike sog. Eliten aus einer Gesellschaft entwickelt haben, welche Funktionen und Aufgaben sie übernahmen, welches Selbstverständnis sie haben bzw. hatten, aber auch, wo und warum sie versagten.
Dem aus dieser Sicht vordergründigen Nützlichkeitsdenken stellt sie den humanistischen Bildungsbegriff gegenüber. Im zweiten Kapitel ihres Buches wendet sie sich den Eliten in der Antike zu. Was diese kennzeichnete, war die virtus für den Römer, die παιδεια für den Griechen (S. 37, S. 47f.). Dabei vergegenwärtigt die Autorin, durch welches Bildungsgut Eliten in Erscheinung traten, mit welchen Funktionen sie in den griechischen und römischen Gesellschaften versehen waren und wie sie sich reproduzierten. Dabei befasst sie sich eingehend mit den Bildungsinhalten, die sich Eliten zueigen machten, und betont dabei deren moralische Dimension.
Bildung definierte sich demzufolge – so eine der Kernaussagen – immer auf einer Objekt- und einer Subjektseite; gerade die letztere sei durch das agonale Prinzip der Griechen so akzentuiert worden, dass das Ringen um die jeweils beste individuelle Leistung zum Lebensprinzip an sich erhoben worden sei und auch immer eine polisbezogene Wirkung gehabt habe: „Die wahre Tüchtigkeit zeigte sich im Erfolg für Stadt und Land.“ (S. 51).
Heike Schmoll geht es gewiss nicht bloß um eine Darstellung von Bildungskonzepten und -inhalten in der Vergangenheit, sie spricht sich vor allem mit Blick auf die griechische παιδεια für ein Bildungsprogramm aus, das an der „Ausbildung der Anlagen“ (S. 57) orientiert ist. Ihre Ausführungen sind immer auch als eine Mahnung zur Reflexion zu verstehen, zumindest aber als ein Aufruf, gegenwärtig eingeschlagene Kurse in der Bildungspolitik zu überdenken.
Das deutsche Bürgertum des 19. Jhs. habe dem Adel, der seine Privilegien stets auf seine Herkunft begründet habe, das Leistungsprinzip entgegengestellt. Bildung statt Abstammung sei zu einem Instrument sich herausbildender Eliten innerhalb des aufstrebenden Bürgertums geworden. Der Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt habe „im freien Spiel der Kräfte“ eine Gewähr gesehen, dass die Besten der Nation ihre Pflicht und Verantwortung für das allgemeine Wohl wahrgenommen hätten. Sie seien es gewesen, die die Gymnasien und Universitäten absolviert und die neue Leistungsgesellschaft begründet hätten.
Mit Blick auf die umfassende preußische Reformbewegung zu Beginn des 19. Jhs. zeigt sich, dass es der FAZ-Redakteurin weniger um die Herausbildung einer Bildungselite in Deutschland geht als vielmehr grundsätzlich um das Verständnis und die Bedeutung von Bildung sowohl für jeden Einzelnen als auch für eine Gesellschaft in toto. Nicht umsonst wird auch ein großer Bogen über Platons Persönlichkeitserziehung in seinen Idealstaatskonzeptionen hin zum reflexiven Bildungsverständnis Friedrich Schleiermachers geschlagen: Die anthropologische Dimension von Bildung und damit ihre persönlichkeitsstiftende Bedeutung im Sinne von „Selbstbildung“ würden – so mahnt Heike Schmoll – im Zuge eines um sich greifenden utilitaristischen Bildungsverständnisses zurückgedrängt und könnten verheerende Folgen haben: „Fällt die Selbstbildung aus, bleiben Menschen außengeleitet, beeinflussbar und labil, sich selbst fremd und verunsichert ...“ (S. 75). Den Ausführungen liegt ein Gedanke zugrunde, der gewiss nicht ganz von der Hand zu weisen ist: Wenn es der FAZ- Redakteurin um die Bedeutung der Erziehung zu inneren Haltungen und Einstellungen geht, zu moralischem und verantwortungsbewusstem Handeln, dann gilt es tatsächlich zu fragen, ob solche Werte wie Uneigennützigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Pflichtbewusstsein oder die Fähigkeit zur Selbstkritik (also Charaktereigenschaften, die Heike Schmoll ausdrücklich von der wahren Elite einfordert) überhaupt gelehrt werden können oder vielmehr in einem Akt reflexiver Selbstbildung an besonderen Bildungsinhalten gewonnen werden können.
Die bemerkenswerte Publikation kann in diesem Zusammenhang auch als ein Aufruf verstanden werden, einen Bildungskanon (neu) zu formulieren, ihn für verbindlich zu erklären und an deutschen Bildungsinstitutionen entgegen allseitiger Forderungen nach „Entschlackung“ oder „Entrümpelung“ konsequent einzufordern. Inhalte, die in den beiden altsprachlichen Fächern Latein und Griechisch zugrunde gelegt werden, haben solch eine grundsätzlich anthropologische und existenzielle Dimension, so dass gerade hier am Beispiel kulturell bedeutsamer Ereignisse und Persönlichkeiten der Antike Grundfragen menschlichen Seins im Zentrum des Unterrichts stehen. Insofern kann Heike Schmolls Buch auch als ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Stärkung des altsprachlichen Unterrichts verstanden werden in der Absicht, den Schülerinnen und Schülern unseres Landes wertefördernde und persönlichkeitsbildende Lerninhalte anzubieten.
Gleichzeitig weist sie aber auch mahnend auf eine gegenläufige Entwicklung hin: Die insbesondere für das Fach Griechisch problematisch gewordene Studienordnung für das Lehramt an den Universitäten, der Lehrermangel im Fach Latein und nicht zuletzt die „Nachqualifikationen von zweifelhafter Güte“. Dazu schreibt sie: „So erweist sich auch hier die Abscheu vor der traditionellen Idee der Bildung als das einzige einende Band der Bildungsreformer unterschiedlicher Provenienz“ (S. 95). Sie erkennt in den gegenwärtigen Entwicklungen (z.B. Beschreibung und Formulierung von Bildungsstandards) eine entschiedene Abkehr vom Humboldt’schen Bildungsideal, einer weiter sich vollziehenden Erosion von Bildung, einer schleichenden Inflation universitärer Abschlüsse und mithin die Gefahr einer kulturellen Enteignung. Und gerade da steht aus der Perspektive Schmolls die Unabhängigkeit im Denken und Urteilen des Einzelnen in Frage, weil er keine Handlungsalternativen mehr sieht und Entscheidungen nicht mehr auf der Grundlage einer Vielzahl von Möglichkeiten sorgsam abwägen kann. Ein vorbildliches Beispiel bietet für sie die Haltung des Sokrates, der seinem Freund Kriton gegenüber diese geistige Unabhängigkeit in beeindruckender Weise verdeutlicht (46B) (S. 149). Stabile demokratische Systeme bedürfen – so die Botschaft – einer solchen Freiheit. Gerade aber auch deshalb spricht sie sich für einen Griechischunterricht an den Schulen mit seinen vielfältigen Bildungsangeboten aus. Heike Schmoll hat mit ihrem Buch „Lob der Elite“ ein vielseitiges und facettenreiches Buch zu den aktuellen Bildungsthemen unserer Zeit geschrieben. Es lohnt sich, die neue Publikation auch unter dem Aspekt der Bedeutung des altsprachlichen Unterrichts zu lesen.
Friedgar Löbker
Seneca, De Providentia – Ein Kommentar von Annrose Niem, Diss.: Norderstedt 2008
Zu den philosophischen Schriften Senecas gehört die Sammlung „Dialogi“ in zwölf Büchern mit Schriften wie z.B. „De vita beata“, „De brevitate vitae“, „De otio“ mit einer Rechtfertigung der Lebensform des „otium“ und „De providentia“. Bereits Manfred Fuhrmann urteilte über „die Vorsehung“: „ein eindrucksvolles Dokument von Senecas Religiosität“ (Geschichte der römischen Literatur, 2005, S. 393). Zur Erinnerung: Seneca befasst sich dort mit dem Begriff der Vorsehung. Freud und Leid sind demzufolge vorherbestimmt. Die Übel in der Welt ermöglichen den Guten, die sich Gott und dem Fatum zur Verfügung stellen, Bewährung. Was auch immer den Guten also widerfährt, kann nie ein Übel sein.
Die Lektüre der Schrift „De providentia“ (= dial. 1) stellt den Leser vor zahlreiche Herausforderungen: Er wird nach der Überlieferung, nach den gedanklichen Vorbildern und nicht zuletzt nach der literarischen Technik der Schrift fragen; inhaltlich wird der Theodizeegedanke zu klären sein, die Bedeutung von „Gott“ und „fatum“ bei Seneca und vieles mehr.
So widmet sich Annrose Niem in ihrer Dissertationsschrift in der zweiten überarbeiteten Auflage den Anfragen, die sich bei der Beschäftigung mit „De providentia“ stellen. Nicht jedem ist darüber hinaus ein Zugang zu den bereits älteren italienischen Kommentaren von Emanuela Andreoni und Giovanni Viansino möglich; hinzu kommt, dass die beiden Kommentatoren lediglich kurze Noten und eine „Anhäufung von Parallelstellen zu einzelnen Wendungen“ bieten (Niem, 2008, S. 2).
Im ersten Teil der Dissertationsschrift (S. 14–107) wendet sich die Verfasserin der Kommentierung der Schrift „De providentia“ in Form eines Fließtextes zu (sog. Paraphrase), im zweiten Teil (S. 108–204) werden Lemmata vorangestellt und kommentiert, mit Parallelstellen versehen und gedeutet. Material mit Querverweisen soll Lesarten sicher stellen und zur Klärung im semantischen oder syntaktischen Bereich beitragen.
Die Verfasserin richtet zunächst ihre Aufmerksamkeit auf die Gliederung der Schrift und bemüht sich um eine literarische Zuordnung (z.B. Bedeutung der Widmung, S. 9). Der ganzheitliche Zugang hat den Vorteil, der Schrift in ihrer Vielschichtigkeit gerecht zu werden. Der Kommentar wendet sich daher insbesondere an Lateinunterrichtende, „diesen Dialog mit ihren Schülern als Ganzschrift zu lesen“ (S. 13).
Der Verfasserin gelingt es, den Gedankenreichtum der Schrift zu ordnen, ohne dabei die Struktur des Werkes aus den Augen zu verlieren: Argumentations- und Gedankengänge Senecas werden satzperiodisch entschlüsselt und der Gliederung (s.o.) thematisch sachgerecht zugeordnet. Anspielungen Senecas z.B. auf die Lehren der Epikureer werden ausdrücklich hervorgehoben und kontextgerecht erklärt (z.B. S. 19f.). Semantische Klärungen zentraler Leitbegriffe wie „felicitas“ (S. 31, 46; 48), „fortuna“ (S. 60ff.) und „fatum“ (S. 71ff.) erfolgen in philologischer Manier mit Blick auf den von Seneca entworfenen Gedankenzusammenhang und auf entsprechende Parallelstellen. Dabei bezieht die Verfasserin erfreulicherweise auch griechisches Material ein (z.B. Heraklit, Plutarch, Epiktet).
Die Kommentierung des Argumentationsgangs bei Seneca in stringenter Abfolge hat den Vorteil, dass der Leser ebenso wie der Lehrer im Rahmen seiner Unterrichtsvorbereitung Passage für Passage analysieren kann, ohne dabei den Überblick über das Gesamtwerk zu verlieren. Ein weiterer Vorzug der Arbeit besteht darin, dass Senecas stoisches Gedankengut - orientiert an Kernbegriffen – entfaltet wird. Es ist nicht Ziel der Arbeit, die Stellung Senecas in der römischen Philosophie zu beleuchten, wohl aber, die Bedeutung der Schrift „De providentia“ in den philosophischen Schriften Senecas sichtbar zu machen. Dies gelingt vor allem im Schlussteil der Paraphrase des ersten Teils (insbes. S. 98– 107).
Im zweiten Teil der Arbeit (sog. Einzelkommentar) werden, wie bereits ausgeführt, einzelne Lemmata sprachlich erklärt, Probleme der Überlieferung diskutiert, Versuche zur Monosemierung philosophischer Termini unternommen (z.B. „providentia“, „universum“, „amicitia“, vera progenies etc.) und Anspielungen auf Vorbilder Senecas herausgestellt (S. 108–204). Eine treffliche Hilfe für den Unterricht ist diese Zusammenstellung allemal.
Insgesamt gesehen hat Annrose Niem mit ihrer überarbeiteten Dissertation, die in erster Auflage 2002 erschienen ist, einen hilfreichen und nützlichen Kommentar verfasst, der insbesondere für die Oberstufenlektüre am Gymnasium von Bedeutung sein kann. Er ist überdies eine Ermutigung, die Schrift als Ganzes im Unterricht zu lesen. Der Zugriff auf die Dissertation in ungekürzter Form ist auch über das Internet möglich.
Friedgar Löbker |