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Jahrgang LX Heft 2, 2010

 
   
 

 
 

Lesetipp: Broschüre über eine populärwissenschaftliche Vortragsreihe

Annrose Niem: Seneca und Plinius – Zwei Vorträge zu antiken Themen im Stadtmuseum Quakenbrück, Norderstedt 2010.

Traditionellen Vorstellungen zufolge stehen in einem Stadt- und Heimatmuseum illiterate Zeugnisse der Vergangenheit aus der Region im Vordergrund, die eine Bedeutung im Bewusstsein der Nachwelt dadurch erhalten, dass Angaben über ihre Herkunft, Fragen der Datierung und ein Versuch der historischen Einordnung zu ihrer unverwechselbaren Bedeutung beitragen. Somit besteht ein zentrales Anliegen darin, den Exponaten ihren ephemer anmutenden Charakter zu entreißen. In der Regel spielt aber Literatur eine eher untergeordnete Rolle. Moderne museumsdidaktische Zugänge sind jedenfalls in städtischen Museen ebenso wie der Blick über den begrenzten Raum hinaus nicht selbstverständlich.

Annrose Niem hat als Expertin kaiserzeitlicher Literatur im Rahmen einer Vortragsreihe am Quakenbrücker Stadtmuseum einen Zusammenhang zwischen römischen Lebens- und Alltagsumständen und den römischen Wurzeln in der Regionalgeschichte des Artlandes hergestellt.

Am Beispiel der stoischen Philosophen gelingt ihr im ersten Vortrag ein lebendiger Zugang zur Vorstellungs- und Gedankenwelt Senecas, der nahezu alle Lebensbereiche des Menschen gedanklich durchdrungen hat. Facettenreich zeigt sie Grundzüge des Welt- und Menschenbildes Senecas auf, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, als seien hier verallgemeinerbare und mithin für die frühe Kaiserzeit typische mentalitätshistorische Aspekte zu finden. Gleichwohl bemüht sich die Verfasserin mit aller gebührenden Vorsicht darum, im Besonderen das Allgemeine zu finden. Gerade auch deshalb verdient der Beitrag Anerkennung: Am Beispiel Senecas wird nämlich aufgezeigt, wie sehr sich Herkunft und Bildung, literarische Ausdruckskraft und politischer Einfluss miteinander verbinden können – idealistischer Anspruch und klägliches Scheitern liegen manchmal denkbar nahe beieinander, wenn der Leser beispielsweise einen Zusammenhang zwischen der staatsphilosophischen Schrift „De clementia“ und der Beraterfunktion Senecas gegenüber dem jungen Kaiser Nero herstellt. Seneca wird auch als Mensch greifbar, wenn sich Frau Dr. Niem der Trostschrift an die Mutter Helvia zuwendet. Lebensschicksale werden im Spiegel stoischen Gedankenguts sichtbar und verarbeitet. Gleichzeitig wird ein Blick auf die Alltagswelt gerichtet. Die Brandmarkung frühkaiserzeitlicher Dekadenz einerseits und die wiederholte Aufforderung zu Maß und Mitte andererseits werden hier Programm: sei es durch Fragen nach der rechten Lebensweise, sei es durch Appelle zur Verantwortung und zur Definition eines Lebenssinns. Die Gedankenwelt Senecas bietet geradezu ein Füllhorn lebenspraktischer Fragen, auf welche die Menschen damals wie heute eine zufriedenstellende Antwort suchen.

Annrose Niem widmet sich im Rahmen eines weiteren Vortrags dem jüngeren Plinius zu. Dabei ordnet sie seine Biographie in das historische Umfeld ein, charakterisiert anschaulich seine Lebensweise als gut situierten Gutsbesitzer und verweist auf seine umfassende literarische Schaffenskraft. Dass seine Briefe als eindrucksvolle Zeugnisse der Zeit begriffen werden können, die Einblicke in die verschiedensten Lebensbereiche geben, wird anhand ausgewählter Beispiele sichtbar. Dabei richtet sie ihre Aufmerksamkeit zunächst auf das Gerichtswesen, gibt Einblicke in Rechtspraktiken und gerichtliche Entscheidungen (z.B. Fragen des Erbrechts und der sog. Freilassung). Auch persönliche Momente werden greifbar: Erziehungsfragen, familiäre Sorgen, Interesse an Kunst, Kultur und Literatur und nicht zuletzt die detaillierte Analyse der verheerenden Ereignisse vom August des Jahres 79.   

Insgesamt gesehen hat Annrose Niem mit ihrer Vortragsreihe im Quakenbrücker Stadtmuseum einen nachahmenswerten Ansatz dafür gefunden, dass stumme Zeugnisse der Vergangenheit aus der Region mit neuem Leben versehen werden. Der regionalgeschichtliche Bezug hätte dabei allerdings erweitert werden dürfen. Gleichwohl zeigt sie durch ihre populärwissenschaftlichen Vorträge, wie einem interessierten Zuhörerkreis lebendige Zugänge verschafft werden können, um Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen und den Relikten der Geschichte eine bewusstseinsstiftende Bedeutung in der Gegenwart beizumessen.

Friedgar Löbker